LEGENDEN

[400] Das Wunder von Chonae

Patriarch Sisinnios von Konstantinopel († 427) soll die Legende vom wundersamen Wirken des Erzengels Michael zu Chonae zum ersten Mal aufgeschrieben haben. 

In Chairetopa/Chonae, dem antiken Kolossai, bestand eine einfache Kirche bei einer Quelle, die heilkräftige Wirkung hatte, weil sie vom Erzengel Michael hervorgerufen worden war. Der Eremit Archippos – von dem auch im Brief an die Kolosser die Rede ist [Kol. 4,17] – wachte über sie sechzig Jahre lang. Der heidnischen Bevölkerung der Gegend war die Anziehungskraft des Wallfahrtsortes auf wundersuchende Pilger lästig und sie beschlossen, die Quelle durch Umleitung eines anderen Flusses zu verunreinigen. Doch der Versuch war vergeblich, denn das Wasser des Flusses Chryses floss beiderseits an der Quelle vorbei. Dieser Misserfolg spornte die Menge an, und fünftausend Menschen begannen die beiden Gebirgsflüsse Kykokapros und Kouphos aufzustauen, in der Hoffnung, dass dadurch die Heilquelle versiegt. In Sorge, dass die Wassermassen das Heiligtum überschwemmen könnten, betete Archippos zum hl. Michael, der darauf tatsächlich »wie eine feurige Säule« donnernd vom Himmel herabkam und mit seinem Stab einen gewaltigen Felsen spaltete. Durch die entstandene Kluft floss das gestaute Wasser unterirdisch ab und konnte so dem kleinen Gotteshaus nicht mehr schaden. Aber die heidnische Menge stürzte in die Tiefe. 

 

Der Erzengel Michael segnete das Wasser und bestätigte, dass jeder unter Anrufung der Heiligen Dreifaltigkeit und des Anführers der Himmlischen Heerscharen durch das Quellwasser von allen körperlichen Leiden geheilt werde. —

 

Diese Legende ist ein Beispiel dafür, wie im Zuge der Christianisierung eines Landstrichs alte bereits bestehende Kultorte umgewidmet worden sind. Der in Chonae wachsende Erzengel-Kult, der auch einen großen eindrucksvollen Kirchenneubau hervorbrachte, verdrängte offenbar eine zuvor dort angebetete phrygische Gottheit, wohl den Gott Men-Karoi. ■ nach BENTCHEV, S. 94


[490] Erste Erscheinung auf dem Monte Gargano


Aus einem langobardischen Manuskript des 8. Jahrhunderts (nach Cesare Baronios annales ecclesiastici a Christo nato ad anno 1198. Rom 1588–93).

 

Ende des 5. Jahrhunderts hat sich der Erzengel Michael eine Grotte auf dem Monte Gargano ausgewählt, die durch seine Erscheinung dort geheiligt werden sollte.

Der Besitzer einer großen Viehherde in Siponto (heute: Manfredonia), namens Gargano, ließ seine Tiere in den Bergen weiden. Eines Tages wurde einer der Stiere vermisst. Gargano machte sich mit seinen Viehhütern auf die Suche nach ihm und fand ihn hoch oben vor dem Zugang zu einer Höhle wie angewurzelt stehen. Da sich der Stier nicht herabbewegen wollte, nahm Gargano seinen Bogen und schoss einen Pfeil ab auf das störrische Tier. Der Pfeil aber traf nicht den Stier, sondern drehte in der Luft um und verletzte den Schützen.

 

Entsetzt und verwirrt flüchteten alle von der Höhle fort und berichteten dem hl. Laurentius Maioranus, Bischof von Siponto, von dem Vorfall, der daraufhin eine dreitägige Fastenruhe mit Gebeten anordnete. Am Ende dieser Fastenzeit hatte der Bischof die Vision des hl. Erzengels Michael, der ihm zu verstehen gab, dass er es gewesen sei, der den Ort, an dem der Stier stand, erwählt habe und wünsche, dass er von den Menschen von nun an verehrt werde. Er, Michael, sei der Hüter und Wächter dieser Stätte. 


[492] Zweite Erscheinung am Monte Gargano – Michael rettet die Sipontiner vor den Goten

Der Legende nach rückte der König von Italien, Odoaker, mit seinen Kriegern gegen die Stadt Siponto vor und belagerte sie. Bischof Laurentius Maioranus konnte einen Waffenstillstand von drei Tagen aushandeln, verordnete den Bürgern ein Fastentriduum und gelobte ihren Schutzherrn, den hl. Michael um Hilfe zu bitten. Erst in der dritten Nacht erschien Michael dem Bischof.  Er versprach zu helfen: wenn die Bürger am kommenden Tag zur vierten Stunde einen Ausfall wagten, würden sie trotz der Übermacht der Gegner siegen. Der Bischof führte die Sipontiner zur angeratenen Zeit ins Feld. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt, Blitze fuhren nieder und ein donnernder Sandsturm blies den Goten entgegen, sodass sie leicht von den Sipontinern verfolgt werden konnten. Die nach dem Feldzug überlebenden Heiden erkannten die Kraft des Erzengels, schworen ihrem Glauben ab und wurden Christen.


[493] Dritte Erscheinung  – Wunder zur Weihe der Grotte am 29. September 493

Den dritten Jahrestag der Erscheinung Michaels wollte Bischof Laurentius von Siponto auf dem Monte Gargano feiern, aber man getraute sich nicht die Höhle Michaels zu betreten und betete davor. Die übrige  Gemeinde war damit nicht zufrieden, dass dem Erzengel nicht im Inneren gehuldigt wurde und forderte, dass die Höhle kirchlichem Brauch entsprechend geweiht werden möge. 

Voller Skrupel ließ der Bischof den Papst in Rom befragen. Dieser antwortete, dass er den 29. September als Weihetag befürworten würde, jedoch müsste es einen Befehl des Erzengels Michael dafür geben, der durch ein Fastentriduum zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit erbeten werden sollte.

Der Bischof von Siponto lud darauf – wie vom Papst geheißen – die Bischöfe der benachbarten Gemeinden ein, um mit den Bürgern der Stadt drei Tage lang vor der beabsichtigten Weihezeremonie zu beten und zu fasten.

Tatsächlich hatte der Bischof Laurentius die ersehnte Vision: Michael erschien und verkündete ihm, dass es keiner Weihe des Ortes mehr bedürfe, da er ihn erwählt und damit bereits selbst geweiht habe. Alle Gläubigen mögen getrost eintreten und in seiner Höhle den heiligen Opferritus vollziehen.

Nun konnte die Prozession auf den Berg beginnen. Als die Pilger zum ersten Mal den Höhleneingang durchschritten fanden sie im Felsboden den Fußabdruck des Erzengels und unter einem purpurnen Baldachin einen Altar, auf dem ein metallenes Kreuz lag; womit die Echtheit der Weihe durch Michael bezeugt war.


590 Der Erzengel Michael befreit die Stadt Rom von der Pest


Im Jahr 590, zu Zeiten des Papstes Gregor I., dem Großen (* um 540 Rom, † 604 Rom), wütete in Rom die Pest. Der Papst ließ in allen Kirchen Bittgottesdienste abhalten, auch hatte er zu einem großen Bittgang durch die ganze Stadt aufgerufen. Während dieser Prozession kam die Menge auch zu der Burg, die zum Gedächtnis des großen Kaisers Hadrian als Mausoleum errichtet worden war. Dort erschien auf der höchsten Spitze ein heller Lichtschein und in ihm sah der Papst einen Engel stehen, der sein blutiges Schwert abwischte und in die Scheide steckte. Alsbald verschwanden der Lichtschein und der Engel darin.

Der Papst aber verstand das als Zeichen, dass Gott sein und des Volkes Gebet erhört und ihm dies durch seinen Erzengel Michael kundgetan hätte. Von diesem Tage an verschwand die Pest aus Rom.

Der Papst aber ließ zu Ehren des Engels neben der Burg eine Kirche bauen; die Burg selbst aber wird seitdem castello Sant’Angelo, Engelsburg, genannt. ■ nach SANDKÜHLER  S. 87f nach der Legenda aurea

Grabmal des Kaisers Hadrian in Rom, die sogenannte »Engelsburg« [BRANDT Abb. 8, S. 3]
Grabmal des Kaisers Hadrian in Rom, die sogenannte »Engelsburg« [BRANDT Abb. 8, S. 3]

708 Erzengel Michael erscheint  Aubert, Bischof von Avranches

Mt-St.Michel 12. Jh. | Cartulaire du Mont-Saint-Michel | Vision de Saint Aubert | Bibliothèque municipale d’Avranches, Ms 210
Mt-St.Michel 12. Jh. | Cartulaire du Mont-Saint-Michel | Vision de Saint Aubert | Bibliothèque municipale d’Avranches, Ms 210

Autbert oder Aubert von Avranches († 725) war Bischof in seiner Geburtsstadt und Gründer der Abtei Mont-Saint-Michel auf der Felseninsel an der Küste der Normandie.

Aubert war häufiger Besucher der Einsiedeleien, die sich seit dem 6. Jahrhundert auf dem Berg im Wattenmeer existierten. Der Legende nach hatte Aubert im Jahre 708 eine Vision, in der ihn der Erzengel Michael aufforderte, auf der Felseninsel eine Kapelle zu errichten. Aubert ignorierte diesen Befehl, worauf Michael noch einmal erschienen und ihm seinen Finger in den Schädel gebohrt haben soll. Damit sich der Bischof endlich zum Bau der Kirche aufraffte, musste Michael ein drittes Mal erscheinen. Am 16. Oktober 709 wurde die Kapelle eingeweiht. Zu diesem Anlass ließ Bischof Aubert Reliquien des Erzengels aus Italien, aus seinem Heiligtum Monte Sant’Angelo, herbeischaffen. 

Frères Limbourg, Très Riches heures du Duc de Berry, Mont Saint-Miche!, La Fête de l'Ange, fol 195r, Musée Condé, Chantilly
Frères Limbourg, Très Riches heures du Duc de Berry, Mont Saint-Miche!, La Fête de l'Ange, fol 195r, Musée Condé, Chantilly
Avranche, St. Gervais: Angeblicher Schädel des Hl. Aubert. Vorkriegspräsentation
Avranche, St. Gervais: Angeblicher Schädel des Hl. Aubert. Vorkriegspräsentation


709 Der Erzengel Michael rettet eine junge Mutter aus der Flut beim Mont Saint-Michel

Bei den vielen Menschen, die nach der Kirchweihe vom Berge herunter sich zum anderen Ufer begaben, befand sich auch eine junge Frau und die war schwanger. Wegen der Fülle ihres Leibes konnte sie sich nicht so schnell bewegen wie die anderen alle und blieb deshalb zurück. […] Als sie erst halben Weges hinüber gewandert war, langsam und mühevoll, da kam das Wasser  bereits wieder zurückgeflossen und schloss sie ein. Sie stand im Wasser als die Zeit kam, da sie gebären sollte – und sie gebar inmitten der bewegten Wellen, und flehte und betete zum heiligen Erzengel Michael, dass er sie und ihr neugeborenes Kind errette. Und siehe, ein drittes Wunder ereignete sich: über dem Wasser erschien eine helle Lichtgestalt, die hielt einen Stab gesenkt und ein Weg wurde frei, der trocken zum Ufer führte, so dass die junge Frau und ihr Kind gerettet werden konnten. Sowie alle das Festland erreicht hatten, verschwand die Lichtgestalt und das Meer nahm wieder seinen Platz ein. Alle knieten in Dankbarkeit nieder und priesen Michael, der dieses Wunder gewirkt hatte. Das Kind aber war ein Knabe, den seine Mutter sogleich mit dem Wasser des Meeres auf den Namen Michael taufen ließ. ■ SANDKÜHLER S.95



1656 Vierte Erscheinung am Monte Gargano – Erzengel Michael wendet die Pest ab

Im Jahre 1656 wütete in ganz Italien die Pest, besonders die Gegend um Neapel und Foggia waren betroffen, sodass der Erzbischof zu Siponto Giovanni Alfonso Puccinelli befürchtete, dass auch die Stadt Manfredonia von der Pest ereilt werden könnte. Weil er den bürokratischen Vorsichtmaßregeln der Stadtverwaltung allein nicht traute, erbat er den Beistand des Erzengels Michael, indem er in Sack und Asche öffentliche Bußprozessionen abhielt und mit seinem Klerus und den Bewohnern der Stadt zum Grottentempel hinauf pilgerte. Er ordnete ein dreitägiges Fasten und Beten an und ließ bald das Fastentriduum wiederholen, um mit den um Hilfe flehenden Bußübungen nicht nachzulassen. Zuletzt verfasste er ein Bittschreiben, das er auf den Altar Michaels legte. Nun ereignete sich das ersehnte Wunder: Michael erschien dem Bischof und  verkündete, dass Steine aus seinem Grottenheiligtum vor der Pest bewahren würden, wenn sie gesegnet und mit Kreuz und Michaelsmonogramm versehen sind. So verfuhr der Bischof, ließ kleine Felsbrocken abschlagen, bezeichnete sie mit S+M, weihte sie nach seinem Ritus und ließ sie in der Stadt und im Umkreis verteilen. Die Pest war damit besiegt.


Legendendarstellungen

spanischer Meister des 15. Jahrhunderts:

HUGUET

MAESTRO DE ARGUIS

MATES

MATEU

XIMÉNEZ


QUIS UT DEUS  – DER ERZENGEL MICHAEL IN DER BILDENDEN KUNST – VIRTUELLE AUSSTELLUNG UND MATERIALSAMMLUNG